Texte

 

Bekenntnisse eines Nägelkauers (1996)

Um das ganze Dilemma zu erfassen, muss ich von einem weit zurückliegenden Ereignis Bericht erstatten, was mir vielleicht nicht Klarheit verschafft aber doch einiges Licht auf die Sache wirft. Als vierjähriger Dreikäsehoher war ich ganz vernarrt darauf den zyklopischen Bauch meines zwischenzeitlich verstorbenen und sich deshalb der Befragung entziehenden Großvaters zu erklimmen. An einem Tage nun tat ich selbiges wobei ich hinausposaunte, dass ich mich selbst verspeisen könne. Das ganze Unterfangen wurde von dem jetzt Verschiedenen nicht in seiner ganzen Tragweite überschaut obschon er meine Autarkiebestrebungen anerkennend belächelte. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Ernährungsgewohnheiten noch nicht so hoch entwickelt wie heute, wo ich mit einigem Stolz behaupten kann mich seit nunmehr fünf Jahren allein von meinen Händen zu ernähren und dabei noch Vorräte zurücklegen kann! Die allmähliche Gewöhnung, nachdem man sich von den unbestreitbaren Vorteilen überzeugt hat, beginnt mit der Einnahme von nagelähnlichen Nahrungsmitteln, z.B. rohe Nudeln, Brotrinden, getrocknetes Esspapier, etc. In meiner Anfangsphase musste ich allerorts geschickt vorgehen, da ja meine Entdeckung bis dahin absolut geheim war und vom Großteil der Wissenschaftler für unmöglich gehalten wurde, weshalb ich bei allen Gemeinschaftsessen nie unvorbereitet erschien: In der Tasche eine Plastiktüte für die gereichten Speisen und in der anderen eine mit den rohen Nudeln, die ich allerdings lange im Mund weich lutschen musste, um nicht durch lautstarkes Knacken Aufsehen zu erregen. Im Zeitraum der endgültigen Umstellung behalf ich mir noch zeitweilig der Fußnägel, wobei ich von da ab bei Tisch stets Appetitlosigkeit vorgab, und damit auch gut zwei Jahre durchkam, ohne mein Eltern auf den Plan zu rufen. Dann erwachsen bemühte ich mich behutsam darum meine bahn brechende Entdeckung dem Gemeinwohl zu gute kommen zulassen, mir bewusst damit einen Sturm der Entrüstung, besonders von Seiten der Ernährungsmittelproduzenten, zu erzeugen. Allerorts riefen meine unansehnlichen Fingerkuppen Ekel hervor und vollkommen unverstanden bemühte ich mich vergeblich mein Anliegen beim Patentamt darzulegen. Meine Familie und Freunde gaben mich auf, weshalb ich orientierungslos umherstreifte. Nur einmal in einem Altersheim wurde mir Gehör geschenkt, obwohl ein hoffnungsvoller Pilotversuch mit dem Beinahe-Verhungern einiger betagter Herrschaften endete, was ich im Nachhinein auf das körperliche Unvermögen zurückführe solch einen grundlegenden Wechsel durchzuführen. Der Skandal blieb nicht aus und zwang mich zum Umdenken. Jetzt mit einem allgemeinen Bekanntheitsgrad ausgestattet schreibe ich ein Buch über meine Erkenntnisse. Titel wie " Nägel mit Köpfchen" oder "Knabber Dich frei", die mir von meinem Verleger nahe gelegt wurden lehne ich kategorisch ab, da mein einziges Anliegen ist und bleibt jedem die Möglichkeit zu eröffnen seine Ernährung selbst in die Hand zu nehmen. Auf diesem Wege möchte ich meine Familie noch mal herzlich bitten mir zu verzeihen, ich hoffe sie verstehen nun warum ich all dies tat.

 

Der Bahnhof (19.10.05)

Herr Scheune wohnt in einem Bahnhof, darum ist es für ihn nur ein Schritt in eine andere, irreale Welt. Man sagt nämlich, dass mit dem Bahnhof bestimmte diffuse Gedanken und Assoziationen verknüpft werden, die den Ort zu einer Metapher werden lassen. Nun ist es so, dass Scheune dieses selten empfindet und auch nie verreist, vor allem nicht von seinem Bahnhof aus. Zudem ist der Bahnhof stillgelegt und vor einiger Zeit kam eine Kolonne Arbeiter, die die Schienen Stück für Stück demontierten. Zum Schluss wurde der Schotter abgetragen und zu einem Denkmal oder Spielplatz verarbeitet. Es ist so der Bahnhof vollends seiner Funktion beraubt und da ja Scheune kaum weitergehende Gefühle in seinem Bahnhof entwickeln konnte wurde auch die Metapher des Reisens und der Traum von einer bilderreichen Welt bedeutungslos. Nach einiger Zeit zog Scheune weg, denn der (ehemalige) Bahnhof war sehr abgelegen und sollte abgerissen werden, dann sollte auch der Spielplatz oder das Denkmal verschwinden. Den Schutt musste man mit dem Lastwagen fortschaffen. Nur Scheune träumte bisweilen davon, dass er an den Ort seiner Kindheit, den Bahnhof, zurückkehren könnte.

 

Das Angebot (31.10.05)

In den Nachmittagsstunden wurde berichtet, dass ein gewisser Le Alessandro in dem Provinzstädtchen sanft eingeschlafen war. Es folgte eine ausführliche Würdigung des Lebensweges von Le Alessandro. Er habe sich stets bemüht seinen Idealen treu zu bleiben und war ein wahrer Meister in seinem Metier. In diesem Augenblick stellte Le Alessandro das Radio aus und eilte zum Kiosk. Auf den Deckblättern der wichtigsten regionalen und internationalen Zeitungen prangte ein Bild, was aus seinem Pass herauskopiert worden sein musste. Le Al (wie ihn viele scherzhaft nannten) bemerkte, dass sich die Leute bei seinem Anblick bekreuzigten. Ein Mann kam zielstrebig auf ihn zu und bat darum, das letzte Werk von Le Alessandro zu signieren. Es hieß: "Wie man die Welt in den Griff bekommt. Tipps und Tricks." Er blätterte in dem ihm unbekannten aber auch uninteressant erscheinenden Buch und schrieb dann eine kurze Widmung für Herrn Soundso. Herr Soundso bedankte sich förmlich und bekundete zugleich sein Beileid, er sei immer ein großer Verehrer seiner Kunst gewesen. Alessandro verbarg sein Gesicht auf dem Rückweg. Ratlos zitternd schloss er seine Wohnung auf und begab sich ins Wohnzimmer. Dort saß ein grinsender Mann, der ihm einen Platz auf seinem eigenen Sofa anbot. Mit einem wissenden Blick sagte er: "Wahrscheinlich ahnen sie schon alles, deshalb frage ich sie rundheraus, nehmen sie an?"

 

Andreas wird bekannt (1995)

Andy war ein Künstler, der noch nicht in die Jahre gekommen war, sich aber schon sehr alt fühlte und so manche Geschichte vom Stapel lassen konnte. Er legte keinen besonderen Wert auf sein Äußeres, machte keinen Hehl daraus, dass er von seiner Begabung fest überzeugt war. Nur wollte er es klug angehen und keine von diesen Eintagsfliegen sein, die in den Magazinen knallig dahin flossen um nach der Abnutzung in die völlige Unbekanntheit abzugleiten. Sie alle in der Vereinigung hatten sich damit abgefunden, dass der Künstler nach Anerkennung und Erfolg lechzt. Er verspürte oft den Drang dazu zu schaffen, obwohl er sich nicht alles zugestand, da er seine Ziele als über alles beherrschende Prinzipien festgelegt hatte, und sich seine Glaubwürdigkeit bitter erkämpfen würde. Nichts flößte ihm mehr Respekt ein als die Kreation in ihrer reinen Form, die ihn erstarren ließ bei dessen Gewahrwerdung.

Den Tag an dem er bekannt wurde schrieb er sich groß in seinen Kalender ein und beging diesen nun jedes Jahr in Gedenken mit einer ausgelassenen Grillparty, wo erbittert diskutiert wurde. Mit vollem Respekt vor diesem Tage organisierte er nun stets einen italienischen Partyservice, der Spaghetti und Pizzen nach seinen Wünschen zusammenstellten. Dazu gab es köstlichen Wein aus der Toskana, sowohl roten als auch weißen, und Gnocchi. Neben den Salaten wurden noch Süßspeisen und Meeresfrüchte gereicht. Besonders lobte Andi hierbei das Tiramisu von Giuseppe, dass man sich leicht auf der Zunge zergehen lassen musste wie Blattgold. Die Beefsteaks wurden auf der Terrasse mit vier Gasgrills von Gianni und dem alten Salvatore zubereitet. Diese hatten diese, die ganze Nacht vorher weich geklopft, genauso wie Andi beim Schaffen sein Gehirn, und hatten große Mühe soviel zu braten wie verlangt wurde. Die bunten Nudeln hatte Gianni dieses Jahr als Überraschung mitgebracht. Diese wurden fein mit einer Ingwersoße abgeschmeckt und pro Portion mit einigen Scampi garniert. Andi war begeistert.

 

Wenn man einen Antiquar um Rat bittet (03.11.2005)

Der Junge kam schnaufend in das Antiquariat gerannt und brauchte eine Weile um wieder zu sich zu kommen. Der alte knorrige Mann hinter seinem Pult musterte überrascht und missmutig den pummeligen Jüngling: "Geh raus, was du auch willst, hier gibt's das nicht, mir egal ob die anderen Buben dich durch die Straßen jagen, vielleicht hast du´s ja verdient." "Aber wieso, ich habe nur eine Frage. Denn es ist so, dass ich sozial total unterentwickelt bin und nach Anerkennung lechze. Nach verschiedensten Abstechern in die Bereiche des öffentlichen Lebens (Börsenmakler, Türsteher, Löwenbändiger, Politiker, Arzt,.) habe ich die Schriftstellerei als neues Betätigungsfeld auserkoren. Wie ich hörte und las haben sie einige Erfahrung in der Betreuung gescheiterter Existenzen und ich bitte sie deshalb um einen Beitrag zu dem Thema: wie schaffe ich den Weg aus der Sackgasse mit Hilfe der Literatur?" Verwundert aber doch bestimmt zischte der brummige Alte: "Horrorromane, je realistischer je besser, damit schaffst du´s wenn ich z.B.." Damit nahm er ein Messer und schnitt sich rasch die Finger der linken Hand ab dabei zitterte sein Mundwinkel, das Blut rann in reichhaltigen Strömen über die aufgeschlagenen Bücher hin zur Tischkante, ein roter Regen ergoss sich auf die Knie und Schuhe des grausamen Literaten. Der Novize, nicht bleich, hörte das leichte Knacken der Knochen, das Messer musste sehr scharf sein, er nahm es ihm ab, sprang auf den Tisch und stieß dem Mann mit einem Schrei den Dolch von oben tief in den Schädel. Sein Schrei mischte sich mit dem Aufbrüllen des Alten der bereits ein Rasiermesser gezogen hatte und ohne zu zögern die Achillessehne des Jungen tief durchtrennte wodurch dieser kraftlos zusammensackte sich mit den Händen am Messergriff festhaltend einen Spalt an der Kopfoberseite aufbog woraus die so kostbare Masse nach außen drang. Mit Agonie in den Augenwinkeln biss der Ladenbesitzer in die Kehle des Heranwachsenden dem dadurch das Triumphgeschrei sowie Schmerzenslaute vergingen. Verzweifelt wimmernd legte der Junge seine Daumen auf die Augen des Alten und drückte sie aus wie eine exotische Geleefrucht.." "Ich danke ihnen, ich glaube das reicht mir zur Anregung und Untermalung ihrer Argumentation. Ich denke darüber nach und zeige ihnen gegebenenfalls die Manuskripte, Adele!" "Schönen Tag noch Kleiner!"

 

Ein Scheiss-Gedicht (1996)

Scheisse

Kacke

Kot

Lot

lotrecht

rechtschaffen

recht geschaffen

Geschäft

Kleines Geschäft

Großes Geschäft

Großmacht

groß gemacht?

groß gemusst

groß müssen

groß geworden

große Flutwelle von '81

Tsunami

Tissue

Tragweite

Kragenweite

Kackweite

Kackwerte

Kacke, warte!

Na warte!

Spül schon!

Schön spülen

Weichspülen

Weichklopfen

Weichkochen

Weich kacken

Weil ich kacke

Fresse ich

Fresse ich Kacke?

Fresse, ich kacke!

Frisierte Kacke

Friseur Kacke

Coiffeur Kacke

Ich habe aber einen Termin

Bin bestellt um drei

Zum schneiden

Zum scheissen

Zum Scheisse schneiden

Zum Scheisse ausschneiden

Der Chirurg holt se raus

Ich kann nicht mehr so

Weil ich kneife beim Kacken

Kneif mich mal

Kack ich oder träum ich

Meine Kotisane

Kot mit Sahne

Kot wie Sahne

Kot statt Sahne

Bitte zum

Kackpuccino

Ich merk das ob

Scheisse oder Sahne

Also bitte

Bitte ein Glas Wasser dazu

Zum runterspülen

Die Sorgen runterspülen

Die Liebe runterspülen

Das Leben runterspülen

Das leben runterspieln

Den Gestank runterspielen

So groß ist die Wurst doch gar nicht

Ich kannte mal einen

Kann dir sagen

Kackte sagenhaft

Kackte in den Saft

Ein Spezialität

Gebacken, fritiert, gesotten

Gedämpft, eingekocht

Eingekackt

Schon wieder

Reichts aber

Wieder Windellecken

Kopf reinstecken

Zunge rausstrecken

Zungenkuss

Kussmund

Kackmund

Mundgerecht

Mundgerächt

Mundgericht

Mundgedicht

Scheiss-Gedicht

Wers n der Arsch ?

 

Lebenslauf (1996); Ein sportliches Ereignis

Ich bin Marathonläufer, das heißt kurz gesagt ich laufe oft und regelmäßig lange Strecken. Das Geheimnis des Laufens erschließt sich manch einem wie ein Blitz, der ihn durchfährt und erleuchtet. Manch einer muss lange laufen, Disziplin zeigen und den Willen zeigen den Sinn zu erkämpfen, doch manch einer schafft es nie. Es gibt sicherlich so viele Läuferphilosophien wie Läufer, deshalb gibt es ja auch so viele Tricks, die jeden ins Ziel tragen.
Bei mir sind alle diese Ansätze wirkungslos. Es macht bei mir gar keinen Unterschied, wo und wann ich laufe, genauso wie ein Raucher der selbst noch auf dem Mount Everest nach einer Zigarette lechzen würde.
Alles begann letztendlich mit dem Tag an dem ich arbeitslos wurde. Es war eine Arbeit am Fließband, und, eine banale Metapher, mein erster bezeugter Kontakt mit dem stetig vorwärtsdrängenden Element. Doch ich wurde wegrationalisiert, was mich jedoch fast gar nicht tangierte, außer das ich kein Geld mehr hatte natürlich. Tja, das klingt unheimlich locker, wo ich mir heute ein Polster aus zusammengewonnenen Prämien erlaufen habe.
Ich verlor, ohne im Moment richtig reagieren zu können, Auto, Wohnung und Familie. Auch sehr leicht daher gesagt, und bei manch einem mag es jetzt klingeln, von wegen, so ein Forrest Gump Typ. Nein, nein, ich wusste was auf mich zukam, als ich       gemacht zu haben, ich war ein Killer auf dem Altenteil, weil ich im richtigen Moment vom Kopf auf die Beine umgepeilt hatte.
So, die Camorra jagte mich also, wobei sich die Killer hauptsächlich aus meinem mit Rechnungen, doch da kam zum Glück das Finanzamt an meine Seite und gab mir …
…hier komme ich zum Anfang zurück eine schöne, elliptische Geschichte: Ich nahm fiel könnte ich der Welt beweisen: Mich kriegt ihr nicht klein! Also ich würde unglaublich dünn, so wie man sich einen Häftling vorstellt, Punkt eins. Punkt zwei: Als Sozialhilfeempfänger muss man viel laufen.
Sogenannte Behördengänge entwickeln ein lebhaftes Eigenleben, machen sich geradezu selbst zum Sinn ihrer selbst. Ein komplizierter Vorgang, wobei Hauptmann von Köpenick Symptome genauso begünstigend wirken wie die verlorene Selbstachtung.
Wie gesagt: Ich war dürr, mochte mich selbst nicht mehr betrachten, sah ein, dass ich unvermittelbar war und eingespeist werden konnte in diesen selbsterhaltenen Rhythmus der Instanzen. Ich lief unheimlich viel, und da ich kein Auto hatte und zum Schwarzfahren zu achtsam war, d.h. ich machte es nicht aus Stolz, und der unangenehmen Entdeckung wegen, sondern aus Achtung vor dem Kontrolleur.
Meine Werte begannen sich umzukehren, in weiter Ferne lagen Heim und Familie. Das Laufen begann nun langsam Überhand zunehmen. Die amtlichen Termine erhaschend war ein Dauerlauf unvermeidlich. Doch die Läufe begannen gleichfalls ihr Eigenleben zu beginnen und bald bewegte ich mich nur noch laufend fort.
Ihnen musste sich eine ähnliche Leere und Sinnlosigkeit eröffnet haben als der weiße Mann kam, so etwa ging es mir.
Ich lief also, ohne ein Ziel ohne einen Start. Bald wurden die Leute auf mich aufmerksam. Kamerateams hoppelten neben mir her um zu erfahren für welchen gigantisch langen Lauf ich denn trainiere. Meine Antworten wurden zweifelsohne ironisch aufgefasst, da ich entweder einen Behördengang erledigte oder einfach irgendwo lang lief.
Das machte mich beliebt. Man hielt mich für gewitzt und geheimnisvoll. Einige Politiker wollten sogar auf der Image-Welle mitschwimmen und mich kurzerhand für das Sozialamt Reklame laufen lassen. Derartige Ansätze wurden aber nach diskreter      Rückfrage verschoben. Doch ein Sponsor fand sich schließlich, der meinte soviel Fleiß müsse belohnt sein, doch sollte ich endlich mit der Sprache rausrücken für welchen     Wettkampf ich den trainiere. Er legte mir dann die Wörter in den Mund, Marathon, Iron Man, ich war wohlgemerkt ein kaum an sportlich interessierter Mensch. Doch das schreckte mich nicht und so war ich mit einem Male Sportler. Ich hatte einen Manager und einen Trainer, der Bauklötze staunte, als ich ihm mein spezielles Trainingsprogramm darlegte.
Naja, ich gewann und meine Sozialhilfe wurde abgesetzt. Ich ging durch die Medien à la Tellerwäscher-zum-Millionär. Natürlich war meine Familie zur Stelle, kein Zweifel ich hatte eine große Familie, alle waren mit mir verwandt. Doch laufen konnte keiner und deshalb verließen sie mich erneut, diesmal mit den Taschen voll Geld, mein Manager suchte das Weite und ich lief auch, aber nicht davon.
Ich ging oder lief wieder durch die Medien: Der Mann, der sich an die Spitze lief. Und morgen wird durch die Presse laufen: Dieser Mann läuft meilenweit, ohne Grund. Ärzte meinen: total verrückt.

 

Literatenruhe (26-11-2005)

Es wird ja viel über den Zusammenhang von Kunst und Welt geredet. Wenn ein Künstler mit den Ohren wackelt so kann dies ohne weiteres als erschütterndes Zeugnis einer hellsichtigen Seele erkannt werden. Zugleich fragen sich einige wie es mit der Authentizität steht. Es werden Verbindungen zwischen Werk und Leben des Künstlers gesucht, und besonders freut es die Leser, wenn postum bekannt wird, im Interview mit einem enttäuschten Expartner, dass der große Literat privat ein Schwein war und niemand ihn richtig kannte. Der sehr erfolgreiche Stephan King beschloss, diesen Teufelskreis von Gerüchten und Verdächtigungen zu durchbrechen und beschloss mit einer Gruppe von etwa 1000 Menschen auf eine abgelegene und gut bewachte Insel zu ziehen. Das Besondere an dieser Insel war, dass der Schriftsteller absolute Macht ausübte und niemand ohne sein Einverständnis ein- oder ausreisen durfte. So sollte ausgeschlossen werden, dass persönliche Details bekannt würden. Nach zwei Jahren ohne Nachricht von der Insel machte sich ein Schiff auf um die Gründe für die Funkstille herauszufinden. Man gabelte den verwahrlosten Herrn King auf, der sinnierend an einer langen Gräberreihe saß. Er schien völlig entkräftet und verzweifelt. die Kommunikationsanlagen waren zerstört und alle Boote versenkt worden, so berichtete später ein Reporter. „Es war schrecklich, Sie müssen sich das mal vorstellen, dabei träumten wir alle von einer besseren Welt!“ gab der Literat zu Protokoll. Nach etwa zwei Monaten erschien sein auf Tatsachen beruhendes Buch “ Die Massaker-Insel“, wo er gnadenlos mit seinen Gefährten abrechnete. Die Kritiker waren sich einig darüber, dass King in seinem Buch einen „neuen wahren und ehrlichen Ton getroffen hätte“. Der Bericht erschütterte alle und wurde zugleich gelobt, wegen „seiner experimentellen Sprachmodulation, welche tief in die archaischen Schichten der menschlichen Psyche blicken lasse und den Künstler als wahren Meister seines Faches auswies.“ King beschwerte sich indes über lästige Reporter. Ein Feuilletonist, berichtete der Schriftsteller, habe ihm mit den Worten „sonst geht es Dir wie den Leuten auf der Insel“ aus seinem Schlafzimmer geworfen

 

Zwei Hände beidhändig (1996)

In der einen Hand halte ich einen Stift mit dem ich schreiben kann, er ist dazu da. Die Hand hat dies gelernt und verbessert ständig ihre Fertigkeiten indem ich sie benutze und damit den günstigsten Bewegungsablauf einstudiere und sowohl Stift als auch Hand schonen lerne. Ich habe einen Stift, obwohl ich zwei Hände habe. Ich kann alles nur einmal in einem Moment schreiben, warum sollte ich es auch zweimal schreiben?
Die Zeit, die ich zum Erlernen des beidhändigen Schreibens benötigen würde ist eindeutig länger als die Zeit, die ich zum einhändigen schreiben brauchte. Es stimmt zwar, dass ich mit dem Lernprozess an sich vertraut bin sich der Bewegungsablauf weitgehend automatisiert hat unbewußt geworden ist und wieder vollkommen neu vergegenwärtigt werden muss. Ganz anders wenn ich nun beide Hände gleichzeitig angelernt hätte, wobei sich der Zeitpunkt bis zur endgültigen Beherrschung der Fertigkeit hinauszögern würde aber endgültig das beidhändige Schreiben schneller beherrscht würde, weshalb an dieser Stelle für ein zeitiges Bedenken dieser Probleme plädiert wird.
Noch erschwerend tritt nun hinzu, dass man die andere Hand in Übung halten muss, um sie unter anderem auch zum tagtäglichen Schreiben zu verwenden und somit nicht alle seine Energien zum einüben des Linksschreibens aufzuwenden kann, wie das zu Beispiel bei einem totalen Anfänger der Fall wäre. Auch wird es nötig sein häufiger den Stift zu wechseln und auch neue Schreibgeräte zu kaufen, was  mit einiger Wahrscheinlichkeit dazu führen wird, dass man mit erhöhten Ausgaben rechnen muss, die, falls man seinen Lebensstandard halten möchte, zu vermehrtem arbeiten zwingen werden. Eine ziemlich vertrackte Lage, wenn man bedenkt, dass es „nur“ darum geht schreiben zu lernen.
Da man nun aber mehr arbeiten wird hat man weniger Zeit zum einstudieren der Fertigkeit und somit nimmt durch den vermehrten Druck dem man ausgesetzt ist auch die Arbeitsleistung ab, dass man letztendlich Gefahr läuft an seinem Arbeitsplatz zu versagen. Die ohnehin reduzierte Freizeit kann man nun kaum noch zu Entspannen verwenden und auch nicht mehr seinen gewohnten Hobbies nachgehen, falls man nicht das Schreibenlernen als ein solches betrachtet.
Im ungünstigsten Fall kann nun dieser circulus vitiosus aus selbstgesteckten Zielen und Überforderung zu einer schwereren Krise führen. Einige plausible Gründe vom beidhändigen Schreiben Abstand zu nehmen.
Das halten wahrscheinlich viele nicht für nachvollziehbar. So schlimm wird das schon nicht kommen, bei weitem nicht, was wohl auch stimmt, womit diese Zeilen ihren Zweck erfüllt hätten. Das hieße dann nämlich, dass soundso viele Leser, die ich ohne Eitelkeit voraussetze, niemals mit dem Linksschreiben anfangen werden. Oder Sturköpfe nun mit Gewalt versuchen werden das Ziel zu erreichen und dann in einer wissenschaftlich fundierten Studie meine Text niederschmettern.

 

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zum lesen
ohne Interesse